Joseph Beuys und die Idee des Grundeinkommens

Ein Gedenken zum 100. Geburtstag an das Vermächtnis Joseph Beuys‘

von Danny Hügelheim

Joseph Beuys wäre am 12. Mai dieses Jahres einhundert Jahre alt geworden.

Er gilt als einer der herausragendsten Künstler des 20. Jahrhunderts und als Vordenker zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Sein Wirken beeinflusste zahlreiche soziale Bewegungen und inspirierte ebenso zahlreiche Menschen zu einer ganzheitlichen Sichtweise auf Individuum, Gesellschaft, Kunst und Politik.

„Jeder Mensch ist ein Künstler. Das heißt: Jeder Mensch ist befähigt etwas zu dieser Gesellschaft beizutragen. Und somit hat auch jeder einen Anspruch auf ein Grundeinkommen – unabhängig von der Lohnarbeit.“  Beuys‘ Zitat im Theaterstück „Let Them Eat Money“ von Andres Veiel

Mit seinem anthropologischen Verständnis des erweiterten Kunstbegriffs und der damit verbundenen sozialen Plastik[i], welche die Gesellschaft als Gemeinschafts- und Gesamtkunstwerk bezeichnet, reiht sich Joseph Beuys zu den großen revolutionären Denkern des 20. Jahrhunderts ein. Dabei scheint er den Humanismusbegriff Erich Fromms[ii] ausgedehnt, Herbert Marcuses kritische Theorie[iii] weiterentwickelt und diese in der praktischen Realität seiner Aktionskunst selbst umgesetzt zu haben – wie z. B. mit dem Projekt der 7000 Eichen zur Dokumenta 7 oder dem Büro der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ zur Dokumenta 5 in Kassel.

Stets bereit zur Provokation der herrschenden Verhältnisse zeigte sich Joseph Beuys damit als lebendiges Beispiel des revolutionären Potenzials der Kunst in einem System mit durch und durch, wie er sagt, verknöcherten Strukturen. Er polarisierte damit erfolgreich indem er einerseits die, die sich auf seine Gedanken einlassen konnten, zu höheren Erkenntnissen und zu proaktiver Haltung vorantrieb und andererseits diejenigen, welche mitten im etablierten System behaftet waren, zuallererst zur Abwehrhaltung und Empörung provozierte, um dann mit diesen in einen lebendigen demokratischen Dialog zu geraten. Somit motivierte er in jedem Fall die Menschen zum Denken, Reflektieren und zur aktiven Teilnahme an dieser Gesellschaft.

Seine Vision einer befreiten Gesellschaft war die eines darin freien und schöpferischen Menschen und der daraus entstehenden freien und befriedeten Welt.

Durch Beuys‘ Begriff der sozialen Plastik, welcher in sich die menschliche Existenz (individuelle Freiheit), Gesellschaft und Utopie gemeinsam als einen künstlerischen und stetigen Schöpfungsprozess der Menschen begreift, eröffnet er den Raum für ein menschliches, schöpferisches Selbstverständnis und die Möglichkeit, bzw. gar die Notwendigkeit, das Schöpferische und Kreative in uns selbst zum Vorschein zu bringen und die Gesellschaft aktiv und bewusst mitzugestalten.

Beuys‘ anthropologische Gleichung und Utopie als Prozess

Die Gleichung „Denken=Plastik=Freiheit“ von Joseph Beuys definiert einen Freiheitsbegriff, in welchem schließlich das schöpferisch-kreative Moment der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in sich zum Tragen kommt. Diese Gleichung, welche vor dem Hintergrund „Jeder Mensch ist ein Künstler“ als steter Prozess begriffen und im gemeinen Mund als menschliches Leben bezeichnet werden kann, ist darüber hinaus ebenso ein logischer wie anthropologischer Appell an die ganze Menschheit und zugleich an jeden Einzelnen kreativ, und somit proaktiv, zu werden, z. B. herrschende Unfreiheiten der eigenen schöpferischen Entfaltung aufzulösen und die soziale Wirklichkeit mitzugestalten. Es bedeutet, dass wir als Menschen nicht auf ein Grundeinkommen „warten“ müssen oder gar dürfen, um frei zu sein, sondern dass wir aus uns selbst heraus für unsere Utopien tätig sein müssen, um sie somit in den zeitlichen Moment der Gegenwart als Schöpfungsakt und -prozess zu transferieren und zu integrieren.

Für Beuys waren seine künstlerischen Aktionen, im Angesicht der Vorstellung von Existenz, Utopie und Gesellschaft als Prozess der sozialen Plastik, selbst auch bloße Beispiele kreativer Übungen. Wir als Menschen sollen üben und gestalten – es gehe um unsere Zukunft, um eine neue Gesellschaftsform, die sich in jedem Moment aus der künstlerischen Gestaltung der Gegenwart entwickele. Er sah das künstlerische (schöpferische) Potenzial in den Menschen und sein gesamtes Konzept seines Wirkens und Werkens galt der gesellschaftlichen „evolutionären Revolution“, um die herrschenden Verhältnisse und verknöcherten Strukturen nach und nach als Prozess durch jeden Einzelnen selbst aufzulösen.[iv]

Beuys‘ offene Form der sogenannten prozesshaften Utopie, als stetiger menschlicher Schöpfungsakt im sozialen Miteinander, nimmt jeden von uns als Mensch in jedem Moment unseres Seins in die Verantwortung, einzeln wie gemeinsam, unserer Schöpfungskraft bewusst zu werden und die Gesellschaft als soziale Plastik zu gestalten.

Joseph Beuys und das Grundeinkommen

„Auf Einkommen besteht ein Menschenrecht. Die Menschen haben bestimmte materiell zu erfüllende Bedürfnisse, Existenzminima, auch darüber Hinausgehendes. Und das steht ihnen zu, unabhängig von dem, was sie hervorbringen.“ Beuys‘ Zitat aus dem Spiegelintervew „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“[v]

Joseph Beuys war nicht nur bloßer Verfechter und Vordenker der Idee des Grundeinkommens, sondern in seinem allgemeinen und anthropologischen Konzept und Denken steckt die Idee des Grundeinkommens absolut drin. Die Umsetzung der Idee des Grundeinkommens verlangt gleichsam wie Beuys‘ Utopiebegriff eine offene und freiheitliche Gesellschaftsform, zu welcher sie als Idee und bloßer Begriff bereits selbst notwendig hinführt. Denn z. B. mit der Freiheit „Nein“ zu sagen in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen werden herrschende Zwangsstrukturen obsolet und die Gesellschaft entfaltet sich zu einem offenen und freien Spiel einzelner Individuen. Darüber hinaus ist der Begriff des Grundeinkommens als Menschenrecht[vi], gleichsam wie die Idee des erweiterten Kunstbegriffs im Sinne der sozialen Plastik, eine anthropologische Erkenntnis und somit eine Konstante des Menschseins an sich, welche die Utopie in die Gegenwart verschiebt und ihre unbedingte Notwendigkeit bzw. sofortige Umsetzung logisch einfordert. Letztlich hinterfragt auch die Idee des Grundeinkommens mit ihrer bloßen Existenz die gegenwärtig herrschende Nutzung des allgemeinen und verengten ökonomischen Arbeitsbegriffs (mit dem lediglich Erwerbsarbeit gemeint ist) und anthropologisiert ihn zu seiner Wurzel zurück als allgemeine menschliche aktive Tätigkeit und entkoppelt somit die soziale Existenz von der Bedingung der Erwerbsarbeit durch die logische Definition des menschlichen Seins selbst.

Wer schließlich versucht die Idee des Grundeinkommens zu denken, wird also notwendigerweise zum Allgemeinen, dem Menschsein an sich, geführt, wodurch er beispielsweise unweigerlich auf den anthropologischen Begriff der Arbeit, bzw. auf das eigene schöpferische und freiheitliche Moment der menschlichen Existenz im Tätigsein, stößt. Dies kann nun auch dazu führen, dass sich mitunter historisch gewachsene, kulturelle Konflikte und Herrschaftsmuster auflösen und dabei jeder Mensch sich wieder gleichermaßen als Subjekt mit seinen zu Grunde liegenden Bedürfnissen und Fähigkeiten selbst wahrnehmen kann. Insbesondere wenn damit deutlich wird, dass das Kapital einer Gesellschaft nicht das Geld oder der materielle Reichtum an sich ist, sondern in der Schöpfungskraft in jedem einzelnen von uns liegt – wie durch Beuys‘ Werk „Kunst=Kapital“ deutlich wird.

Was können wir also von Joseph Beuys mitnehmen?

So schlüssig Beuys‘ Erkenntnis des erweiterten Kunstbegriffs scheint, so stimmig ist die Tatsache, dass wir alle gemeinsam die Schöpfer an der gegenwärtigen und der Möglichkeiten der zukünftigen Gesellschaft bzw. der gesamten Mensch- und Weltgemeinschaft sind.

Folgt man also Beuys‘ anthropologischem Gedanken, dass jeder Mensch ein „Künstler“ ist, weil jedem Menschen die Fähigkeit zum kreativen und schöpferischen Akt gegeben ist und somit Gesellschaft zum prozesshaften Gemeinschaftskunstwerk wird, dann sind wir also in jedem gegenwärtigen Moment unseres Seins mitverantwortlich, wie wir die soziale Plastik mitgestalten.

Was hält uns also davon ab, unser kreatives und schöpferisches Potenzial zu entfalten und uns selbst zu ermächtigen, Künstler*in und Schöpfer*in in dieser Plastik zu sein, in der wir gemeinsam leben und in Zukunft weiterhin noch leben wollen?

Joseph Beuys appellierte jedenfalls daran die Utopie in die Gegenwart zu holen und diese kreativ, schöpferisch und somit aktiv mitzugestalten und im Hier und Jetzt, als evolutionärer Prozess, in jeder Sekunde wahr werden zu lassen.

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Zum Autor:

Danny M. Hügelheim ist aktives Mitglied im Netzwerk Grundeinkommen (AG Social Media, Online-Forum), der Regionalgruppe Bedingungsloses Grundeinkommen Kassel sowie Unterstützer*in weiterer sozialer Initiativen und Bewegungen. In der universitären Forschung befasst D. M. Hügelheim sich primär mit dem Prinzip und der Sozialphilosophie der Idee des Grundeinkommens und berät im Rahmen des Konzeptes einer regionalen Gemeinwohl-Dividende die Politik und Initiativ-Wirtschaft zur direkten Umsetzung eines partiellen Grundeinkommens auf kommunaler Ebene.


[i] Existenz als Prozess (Die soziale Plastik): „Das heißt, es geht nicht mehr darum, bildhauerisch einen Gegenstand zu formen, der so ist, wie er ist, sondern der sich in der Zeit seiner Existenz auch verändern kann“ (Bettina Paust). In Deutschlandfunkkultur „Unter diesem Hut steckt Utopia“ von Berit Hempel

[ii] z. B: Fromm, Erich (1982): Gesamtausgabe in zwölf Bänden. München.

[iii] z. B: Marcuse, Herbert (1967): Der eindimensionale Mensch […]. München.

[iv] WDR (2021): Twist – Beuys 2021. Utopie reloaded

[v] Spiegelinterview mit Joseph Beuys (1984): „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“

[vi] Der Begriff des Grundeinkommens gilt als ein unbedingtes Menschenrecht durch die folgenden vier Kriterien: Die Existenz sichernd und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichend; als individueller Rechtsanspruch; ohne Bedürftigkeitsprüfung; und ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen. (www.grundeinkommen.de/grundeinkommen/idee)

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